Dünnes Garn auf der Brother Strickmaschine verarbeiten für feine Gestricke

Anfängerin verarbeitet dünnes Garn auf der Brother Strickmaschine für ein feines Gestrick

Feines Garn an der Brother KH: mein Fadensalat-Nachmittag

Die Zange rutscht mir zum zweiten Mal von der Nadel ab, und das Metall biegt sich noch ein Stück schiefer als vorher. Vor mir liegt eine Kone mit einem hauchdünnen, graublauen Industriegarn – dünner als jede Sockenwolle, die bisher durch meine Brother KH gelaufen ist. Als Anfängerin beim Maschinenstricken dachte ich, feines Garn für Feinstrick sei einfach dieselbe Technik, nur kleiner gedacht. Von wegen. Diese Stricktipps und die ganze Garnkunde dazu habe ich mir in den letzten Wochen ziemlich schmerzhaft selbst beigebracht.

Mein Schreibtisch für solche Nachmittage ist eigentlich ein alter Eichentisch aus den Siebzigern, umfunktioniert zur Maschinenunterlage, und die Brother klemmt nur mit zwei Schraubzwingen am Rand, weil ich mich bis heute nicht an die Bohrmaschine traue. Über dem Tisch hängt schräg ein kleiner runder Spiegel an der Wand, extra so montiert, dass ich die Nadelreihe von oben sehen kann, ohne mich bei jeder Reihe vorzubeugen. An der Fensterleiste zum Hinterhof baumeln an Wäscheklammern meine ganzen Garnproben, und ausgerechnet die graublaue Kone sieht dünner aus als alles, was vorher dort hing.

Einfädeln war bei diesem Garn gleich das erste Problem, weil der Faden bei jeder kleinen Bewegung aus der Fadenführung hüpfte, noch bevor der Schlitten auch nur eine Reihe geschafft hatte. Zweihundert Nadeln, 4,5 Millimeter Abstand – eigentlich ein klassischer Feinstricker, sagen alle, die sich auskennen. Mit diesem Garn fühlte sich das trotzdem an wie Häkeln mit Nähgarn, nur mit zweihundert winzigen Haken gleichzeitig im Blick. Selbst der Wickelanschlag, den ich inzwischen im Schlaf hinbekomme, brauchte bei diesem Garn drei Anläufe, bis die erste Reihe sauber hing.

Seit Wochen wollte ich genau dieses eine feine Shirt nachstricken, das ich in einem alten Heft gesehen hatte, und keinen weiteren groben Schal aus Sockenwolle, der im Büro eher nach Wandergruppe aussieht als nach Feierabend-Projekt. Genau deshalb habe ich mir diese Kone überhaupt erst zugelegt, obwohl mir schon beim Anfassen klar war, dass das kein entspannter Nachmittag werden würde.

Strickmaschinennadeln werden mit Paraffinwachs eingefettet, damit dünnes Garn ohne Fadenriss läuft

Warum verträgt dünnes Garn keine Maschenweite Null?

In meiner grenzenlosen Naivität dachte ich, dünnes Garn braucht automatisch die kleinste Einstellung. Schlitten auf Maschenweite 0 – das Minimum auf der Brother-Skala von 0 bis 10. Ein festes, sauberes Maschenbild, dachte ich mir. Stattdessen bekam ich einen Fadensalat unter dem Abstreifer, der sich anfühlte, als hätte die Maschine selbst die Lust verloren. Kein Rattern, nur ein hartes Knacken, und der Schlitten blieb stehen.

Zu trocken war das Garn, komplett ohne Elastizität, und es hat sich gewehrt wie mein Sohn gegen Brokkoli. Den Schlitten musste ich abschrauben, was ich mir eigentlich erst fürs zweite Jahr vorgenommen hatte. Überall klebten diese graublauen Fäden fest, und für einen Moment wollte ich das ganze Ding zurück auf den Flohmarkt tragen. Dann fiel mir der kleine weiße Block im Zubehörkasten wieder ein: Paraffin.

Gelernt habe ich daraus, dass man so dünnes Garn schmieren muss, bevor überhaupt eine Reihe Sinn ergibt. Der Faden läuft einfach über das Wachs, und danach gleitet der Schlitten nicht mehr dumpf, sondern mit einem hellen, fast scharfen Ton. Wer genauer wissen will, warum Paraffin für Strickmaschinen beim Stricken von trockener Wolle hilft, findet das in einem älteren Beitrag von mir.

Eine ganze Reihe an die Gewichte verloren

Nach dem Paraffin kam die nächste Lektion, und die tat richtig weh. Meine üblichen großen Krallengewichte hatte ich eingehängt, nach dem Motto: viel hilft viel. Schließlich muss das Gestrick nach unten gezogen werden, damit die Nadelzunge der Strickmaschine sauber arbeiten kann. Zehn Reihen, zwanzig Reihen, alles lief.

Als ich die Gewichte für dieses Garn aussuche, wiegen sie in der Hand spürbar mehr, als ihre kleine Größe vermuten lässt, fast wie kalte Kieselsteine, die man im Winter vom Gartenweg aufhebt – genau dieses Gewicht war am Ende zu viel. Plötzlich: Stille. Kennst du das, wenn du merkst, dass etwas schiefgelaufen ist, bevor du es überhaupt siehst? Ich schaute nach unten, und da lagen sie, gut 150 Maschen, lautlos vom Nadelbett gerutscht. Das feine Garn hatte dem Gewicht der schweren Krallen einfach nicht standgehalten.

Bei feinem Garn arbeitet man fast ohne Gewichte oder nur mit ganz leichten Spanngewichten, das war die Lektion. Zu wenig, und die Maschen schlagen nicht sauber ab. Zu viel, und das Garn gibt klein bei. Es ist wie beim Baiserschlagen – zu grob gerührt, und alles fällt in sich zusammen.

Eine Nadel verbiegt sich, und die Zange hilft nur halb

Beim dritten Versuch, die aufgefädelten Maschen wieder aufs Nadelbett zu bringen, ist mir eine Nadel regelrecht abgeknickt – nicht gebrochen, aber spürbar schief. Statt eine neue zu bestellen, habe ich mir eine kleine Flachzange geschnappt und versucht, die Nadel selbst wieder gerade zu biegen. Klang nach einer cleveren Spar-Idee. War es nicht. Der Haken saß danach minimal schräg, gerade genug, um bei diesem dünnen Garn ständig eine Masche zu überspringen, statt sie sauber abzuwerfen.

Am Samstag bin ich erstmal eine Runde im Augsburger Stadtwald spazieren gegangen, nur um nicht aus Frust noch eine zweite Nadel zu ruinieren. Beim Mittagessen im Büro hat Gabi, meine Kollegin aus dem Architekturbüro, mich gefragt, wie viel das fertige Shirt eigentlich wiegen wird – sie fragt nie nach der Maschenzahl oder den Reihen, immer nur nach dem Gewicht, als würde sie das Ding schon im Kopf einpacken.

Zurück an der Maschine musste ich die betroffene Nadel austauschen, und nebenbei habe ich mir die Nadelpositionen für dieses Projekt mit kleinen Klebepunkten markiert, weil ich A, B und D sonst ständig verwechsle. Maschen umhängen für die eine Stelle, an der ich die kaputte Nadel umgehen musste, habe ich mit dem Deckerkamm gemacht – fummelig, aber machbar. Ohne die Sperrschiene wären mir beim Nadeltausch vermutlich gleich noch ein paar zusätzliche Maschen vom Bett gerutscht, und die Schlitteneinstellungen musste ich danach gleich zweimal nachjustieren, bis wieder alles rund lief. Danach habe ich die Maschine gründlicher geputzt als sonst, weil dieses Garn überall feinen Flaum hinterlässt, der sich sonst in der nächsten Runde rächt.

Fehlbedeckung ausprobiert: aus Industriegarn wird feiner Stoff

Neulich beim Sortieren meiner Notizen ist mir aufgefallen, wie oft ich am Anfang gescheitert bin, nur weil ich stur jede einzelne Nadel benutzen wollte. Überall liest man, dass man für dünnes Garn den Feinstricker nimmt und alle Nadeln belegt. Das Ergebnis sah bei mir aber oft dünn und instabil aus, fast wie ein zu oft gewaschenes T-Shirt.

Ausprobiert habe ich dann etwas aus einem alten Forum für Maschinenstricken: Fehlbedeckung, also zum Beispiel nur jede zweite Nadel zu benutzen, eine 1x1-Teilung. Auf einem Standardstricker wie meiner Brother mit 4,5 Millimetern bekommt man dadurch ein viel klareres Maschenbild bei sehr dünnem Garn. Wirkt fast wie von Hand auf dünnen Nadeln gestrickt, nur gleichmäßiger. Danach musste ich die Maschenweite am Schlitten wieder hochdrehen, bei diesem Industriegarn bin ich letztlich bei Weite 4 gelandet, und der Fall des Stoffes war auf einmal fantastisch statt brettig. Unter der Lupe sieht die Maschenbildung bei so dünnem Garn ohnehin komplett anders aus als bei dicker Wolle, viel feiner verschränkt, fast zerbrechlich.

Nebenbei ist mir noch einiges durch den Kopf gegangen, während der Schlitten lief: ob ich die Fadenspannung für die Ärmel nochmal anders einstellen muss, ob ich für die Form Maschen abnehmen und zunehmen will oder lieber bei einer geraden Fläche bleibe, ob meine Randmaschen bei so dünnem Garn überhaupt sauber genug aussehen, und ob sich für solche Projekte irgendwann ein Doppelbett lohnen würde. Verkürzte Reihen für eine Ferse oder einen Farbwechsel mitten im Stoff habe ich mir für dieses Projekt bewusst gespart – das wäre mit diesem Garn vermutlich too much gewesen. Adele, die regelmäßig in den Kommentaren mitschreibt, hat mich neulich übrigens genau andersherum gefragt: nicht nach dünnem Garn, sondern welche Garnstärke sie für richtig dicke Wolle nehmen soll. Zwei Enden derselben Frage, könnte man sagen.

Was mich zwischendurch am meisten genervt hat, waren die Fabrikknoten in diesem Industriegarn. Man denkt, man ist im Flow, und dann bleibt so ein winziger Knoten im Nadelöhr hängen. Aufgeschrieben habe ich dazu mal, was ich bei Fabrikknoten an der Strickmaschine tue, damit nicht jedes Mal die Panik ausbricht.

Woche 10: endlich eine Kante ohne gerissene Masche

Zehn Wochen bin ich jetzt mit dieser Maschine zugange, und bis zu diesem Nachmittag hatte ich noch nie eine Kante abgekettet, ohne dass sich irgendwo eine Masche löst. Diesmal ziehe ich die letzte Reihe ab, halte den Rand gegen das Fensterlicht – und nichts reißt. Kein Zacken, keine Lücke, einfach eine glatte, geschlossene Kante, die aussieht, als käme das Stück aus einem Laden und nicht von meinem wackeligen Eichentisch.

Bis hierhin stecken ungefähr vierzig Stunden an der Maschine in diesem Projekt, dazu die 60 Euro für die Brother vom Flohmarkt und etwa 12 Euro für diese eine Kone Industriegarn. Günstig, wenn man bedenkt, dass ich für ein vergleichbares Shirt im Laden deutlich mehr hinlegen müsste. Vier verbogene oder kaputte Nadeln hat mich diese Lernkurve bisher gekostet, dazu unzählige kleine Fadenrisse, die ich längst nicht mehr mitzähle.

Noch ist nicht alles perfekt. Eine Masche ist etwas lockerer, weil ich beim Wenden nicht aufgepasst habe, und die Maschenprobe, die ich vor diesem Projekt gestrickt hatte, hat mir am Ende nur ungefähr die richtige Breite geliefert, nicht exakt. Trotzdem ist es echter Stoff, kein Knotenhaufen mehr, und das aus einem Garn, das eigentlich für Webmaschinen gedacht war.

Was ich für die nächste Feinstrick-Runde mitnehme

Gedämpft habe ich das fertige Stück am Ende trotzdem, auch wenn der Stoff schon vorher gut lag – erst danach sieht man richtig, wie sich das Gestrick wirklich verhält, wenn es hängt statt flach auf dem Tisch zu liegen. Ohne diesen letzten Schritt hätte ich die kleinen Unregelmäßigkeiten wahrscheinlich übersehen.

Am Ende bleibt bei mir vor allem eine Regel hängen, die ich jedem Anfänger mit auf den Weg geben würde: Vertrau dem Klang der Maschine mehr als der Zahl auf dem Einstellrad. Ein hartes Knacken bedeutet fast immer Ärger, ein heller, leichter Ton bedeutet meistens, dass Garn, Spannung und Gewicht gerade zueinander passen. Bei dünnem Garn gilt das noch mehr als bei jeder Sockenwolle, die ich bisher verstrickt habe.