
Ich habe die Nadel zwischen zwei Fingern, schiebe sie einen Zentimeter nach vorne und beobachte, wie sich die kleine Metallzunge hochklappt. Direkt daneben, gleiche Reihe, gleiches Garn: Die Nachbarnadel macht das nicht. Ihre Zunge bleibt auf halbem Weg hängen, wie eingefroren. Zwei Nadeln, ein Griff, zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse – und genau an diesem Unterschied hängt meine ganze Nadelkunde, die ich mir seit gut einem Jahr mit meiner alten Brother Stück für Stück selbst beigebracht habe, seit ich das Maschinenstricken lernen wollte und zuerst nicht mal verstanden habe, warum überhaupt eine Zunge an einer Nadel sitzt.
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Zwei Nadeln, ein Garn, zwei Ergebnisse
Auf einer normalen Heimstrickmaschine wie meiner Brother KH-Serie sitzen 200 von diesen kleinen Metallnadeln nebeneinander, jede genau 4,5 Millimeter von der nächsten entfernt. Bevor man überhaupt beobachten kann, wie sich eine Zunge verhält, muss die Nadel erstmal in der richtigen Position am Bett stehen – welche der Positionen wofür gedacht ist, ist aber eine andere Geschichte. Die Zungennadel wurde übrigens schon 1847 von einem gewissen Matthew Townsend patentiert, seit fast 180 Jahren stricken wir also im Prinzip alle nach demselben Mechanismus. Das Besondere daran: Sie hat keinen Motor. Kein Zahnrädchen macht die Zunge auf oder zu, das erledigt allein der Faden durch seine Bewegung, während die Nadel vor- und zurückgeschoben wird.
Genau dieser fehlende Motor ist der Grund, warum zwei benachbarte Nadeln plötzlich unterschiedlich reagieren können. Bei der einen schiebt der Faden die Zunge zuverlässig auf und zu, bei der anderen hakt irgendetwas – und das sieht man oft erst ein paar Reihen später, wenn plötzlich eine lange Laufmasche im Gestrick klafft. Warum eine Maschine überhaupt Maschen fallen lässt, ist nochmal ein eigenes Kapitel für sich, das über die Nadelzunge allein hinausgeht.

So läuft eine Masche, wenn die Nadelzunge tut, was sie soll
Bei der funktionierenden Nadel läuft das Ganze in vier Schritten ab, und die passieren tausendfach pro Minute. Zuerst schiebt sich die Nadel nach vorne, die alte Masche öffnet dabei die Zunge und rutscht auf den Nadelschaft zurück. Dann legt sich der neue Faden in den offenen Haken. Beim Zurückziehen der Nadel drückt die alte Masche gegen die Zunge und klappt sie zu, und zum Schluss gleitet die alte Masche über die jetzt geschlossene Zunge und den Haken hinweg – fertig ist die neue Masche, und die Nadel fängt von vorne an. Vorausgesetzt natürlich, die Maschine ist vorher überhaupt richtig eingefädelt worden, aber das ist wieder eine andere Geschichte für sich.
Der Beweis, dass wirklich jede der 200 Nadeln das sauber durchzieht, ist unspektakulär: ein fertiger Schal, der einfach nur lang und gerade ist, ohne eine einzige Unregelmäßigkeit auf der ganzen Länge, kein Fitzel Wolle, das sich irgendwo verhakt hat.
Wie genau man sich das mit den vier Phasen vorstellen kann, sieht man am besten in Zeitlupe statt nur in der Theorie zu lesen. Ich habe in einem Testbericht zur gläsernen Strickmaschine und der Maschenbildung schon mal beschrieben, wie sehr mir das langsame, sichtbare Durchspielen jeder einzelnen Phase geholfen hat, den Unterschied zwischen einer sauberen und einer hängenden Zunge wirklich zu sehen.
Und wenn die Zunge nicht mitmacht?
So schön das im Idealfall klingt, bei mir sah das am Anfang oft anders aus, und zwar aus zwei komplett verschiedenen Gründen, die ich lange für dasselbe Problem gehalten habe.

Grund eins: zu viel Öl. In alten Foren liest man oft den Rat, die Maschine großzügig einzuölen, und genau das habe ich anfangs gemacht, viel zu großzügig. Was ich nicht wusste: Das Öl verbindet sich mit dem feinen Wollstaub, der sich beim Stricken sowieso überall festsetzt, zu einer klebrigen Paste. Diese Paste setzt sich genau in dem kleinen Gelenk fest, um das sich die Zunge dreht. Die Folge: Die Zunge klappt nicht mehr butterweich um, sondern bleibt auf halbem Weg hängen, ungefähr so, wie eine Tür mit einem eingerosteten Scharnier.
Das Ergebnis sind dann nicht nur hängende Maschen, sondern oft auch Garnrisse und Fadenbruch, weil der Faden an der klebrigen Zunge hängen bleibt statt sauber durchzulaufen. Mittlerweile öle ich viel sparsamer und greife stattdessen öfter zum Staubsauger mit dem kleinen Bürstenaufsatz, die ganze Frage, wie man die Nadeln und das Bett grundsätzlich pflegt und reinigt, ist aber nochmal ein eigenes Thema für sich.
Grund zwei hat nichts mit der Maschine selbst zu tun, sondern mit dem Garn. Ganz am Anfang habe ich testweise billige Supermarktwolle eingelegt, weil ich dachte, Garn ist Garn, stattdessen hat sich der Faden sofort um mehrere Nadeln gewickelt statt sauber durch die Haken zu laufen, und ich musste den halben Anschlag wieder auftrennen. Später habe ich mir vom Wollstand auf dem Stadtmarkt Augsburg ein flauschigeres Garn geholt, weil es einfach schöner aussah als die Standardware, und da war das Problem ein anderes: Die feinen Härchen haben sich immer wieder genau in der Zunge verfangen, sodass sie gar nicht erst richtig zuklappen konnte. Welches Garn überhaupt zur Maschine passt, ist eigentlich eine eigene Geschichte für sich.
Seraphine, eine Bekannte aus meinem Häkeltreff, hat mir das später in einem Satz erklärt, der mehr Sinn ergab als jedes Forum: Eine hängende Zungennadel sei wie eine Häkelnadel, die sich in flauschigem Mohair verheddert, man zieht am Ende einfach nicht sauber durch. Für sie ist am Ende alles eine Frage der Fadenführung, egal ob Häkelnadel oder Maschine.
Woran ich erkenne, welches der beiden Probleme es ist
Mittlerweile unterscheide ich die beiden Fälle ziemlich schnell. Hängen mehrere oder sogar die meisten Zungen quer über das ganze Nadelbett gleichmäßig schwer, unabhängig vom Garn, ist es fast immer die Öl-Staub-Paste, dann hilft nur gründliches Reinigen, nicht noch mehr Öl. Hängt dagegen nur eine einzelne Nadel oder nur bei einem bestimmten Garn, liegt es fast immer an der Garnwahl oder an der Einstellung von Schlitten und Maschenweite. Im ersten Fall greife ich zum Bürstenaufsatz, im zweiten zur Schlitteneinstellung, die beiden Reparaturen haben nichts miteinander zu tun, auch wenn sich das Ergebnis, die klemmende Zunge, erstmal gleich anfühlt.

Wenn du selbst gerade erst anfängst: Schau dir ruhig mal eine einzelne Nadel genauer an, schieb sie mit dem Finger vor und zurück, und beobachte, wann genau die Zunge hochklappt. Das kostet ein paar Minuten und erklärt mehr als jedes trockene Handbuch. Willst du danach tiefer einsteigen, kann ich dir warum ich die gläserne Strickmaschine nutze als Lektüre empfehlen, genau da habe ich gelernt, worauf ich bei den Nadeln überhaupt achten muss.
Wer noch tiefer einsteigen will, ohne stundenlang in Foren nach Antworten zu suchen, findet im Kurs Die gläserne Strickmaschine genau diese Art von Zeitlupen-Erklärung, die mir persönlich am meisten gebracht hat. Kompliziert ist eine Nadelzunge nämlich gar nicht, man muss sie nur einmal in Ruhe sehen, um sie danach nicht mehr zu vergessen.