Warum der Abstreifer an der Strickmaschine wichtig ist und wie er funktioniert

Abstreifer an der Brother-Strickmaschine: das Metallteil am Schlitten für die Grundlagen im Maschinenstricken

Der Schlitten klemmt mitten in der Reihe. Ich ziehe ihn ein Stück zurück, die Nadeln stehen schief besetzt, und unter dem Schlitten hat sich das Garn zu diesem Wollknäuel verknäult, das vermutlich jede Anfängerin an einer Brother-Strickmaschine schon mal produziert hat. Schuld daran ist fast immer dasselbe Bauteil: der Abstreifer, dieser schwere Metallbügel vorne am Schlitten, den ich lange für reine Dekoration gehalten habe – dabei gehört er zu den Grundlagen im Maschinenstricken, an denen so ziemlich alles hängt.

In meinem Lerntagebuch stehen dazu zwei ziemlich gegensätzliche Einträge: einer voller Frust über zerfetzte Maschen und einen kompletten Nachmittag für nur wenige Zentimeter Gestrick, der andere über ein Stück, das plötzlich einfach so vom Nadelbett gerutscht ist. Beide Male war dieselbe Maschine im Einsatz, dieselbe Wolle sogar. Der einzige Unterschied lag am Abstreifer – und genau diesen Unterschied will ich hier nebeneinanderlegen.

Wenn der Abstreifer nur Ärger macht

Fall eins: Die Bürstenrädchen unter dem Abstreifer sind verklebt, eines der Gummirädchen dreht sich kaum noch, und der Schlitten hakt bei jeder zweiten Reihe. Statt das Bauteil selbst anzuschauen, habe ich damals die Fadenspannung auf gut Glück eingestellt und gehofft, dass es irgendwie passt – hat es nicht, und wie man sie eigentlich sinnvoll justiert, ist ohnehin ein eigenes Thema.

Auch am Einfädeln selbst lag es nicht, das hatte ich im Griff. Das Problem saß buchstäblich vorne am Schlitten, sichtbar, wenn man nur hingeschaut hätte.

Was der Abstreifer wirklich tut

Wer schon mal gehäkelt hat, kennt das Prinzip: Mit dem linken Zeigefinger hältst du die Masche unten fest, während die Nadel oben durchsticht. Lässt du los, rutscht die ganze Arbeit einfach mit hoch. Genau diesen Job übernimmt der Abstreifer beim Maschinenstricken – er drückt das Gestrick auf das Nadelbett, während der Schlitten über die Nadeln fährt. Bei meiner Maschine liegen die Nadeln im Standardabstand von 4,5 mm, wie bei den meisten Brother-Feinstrickern, und ohne diesen Gegendruck würden die frischen Maschen einfach mit der Nadel nach oben wandern.

Unterseite des Abstreifers mit zwei Gummirädchen und zwei Bürstenrädchen an der Brother-Strickmaschine

Schau dir die vier Räder genau an

Unter dem Abstreifer sitzen vier kleine Räder: zwei aus Gummi, zwei als Bürste. Bei einer älteren, gebraucht gekauften Maschine sehen die selten gut aus – Staubflusen, die sich über Jahre angesammelt haben, und mindestens ein Rädchen, das komplett festsitzt. Mit einer alten Zahnbürste und etwas Reinigungsbenzin lässt sich das meistens wieder lösen, Rädchen für Rädchen, bis sich jedes einzelne wieder frei dreht.

Bertl Wanninger, ein Rentner aus einem Maschinenstricken-Onlineforum, in dem ich mitlese, hat mir dazu aus dem Kopf gesagt, welche Ersatzteilnummer ich bei einer alten Brother für die Bürstenrädchen suchen muss – ohne nachzuschlagen, einfach so, aus jahrzehntelanger Erfahrung mit genau diesen Maschinen. Für Randmaschen, die trotz sauberer Rädchen noch unschön aussehen, gibt es übrigens einen eigenen Ansatz, den ich unter saubere Randmaschen an der Strickmaschine beschrieben habe.

Bürstenrädchen des Abstreifers werden mit einer Zahnbürste gereinigt

Woran erkennst du, ob dein Abstreifer richtig sitzt?

Ein paar Dinge lassen sich ohne Werkzeug prüfen. Drehen sich alle vier Rädchen leicht, wenn du sie von Hand anstupst, oder bleibt eines stehen? Sitzt der Abstreifer bündig auf dem Schlitten, ohne dass ein Spalt zu sehen ist? Läuft der Faden glatt durch, ohne an den Bürsten hängenzubleiben? Zieht sich das Gestrick gleichmäßig nach unten, oder wölbt sich an einer Stelle etwas nach oben?

Wie genau sich dabei jede einzelne Masche formt, lässt sich am besten von unten beobachten – mehr dazu in Warum die gläserne Strickmaschine mir bei Strickmustern wirklich hilft. Mit den Nadelpositionen A, B, D und E hat diese Prüfung nichts zu tun, das bleibt ein eigenes Kapitel für sich. Auch die Maschenprobe – die Berechnung der richtigen Maschenanzahl – bleibt exakt dieselbe, ob der Abstreifer nun optimal justiert ist oder nicht.

Modernes Garn braucht einen anderen Abstreifer als klassische Wolle

Hier liegt der eigentliche Denkfehler, den ich lange hatte: Viel Druck hilft viel, dachte ich. Abstreifer festknallen, Bürsten so tief wie möglich einstellen. Bei klassischer, wenig dehnbarer Wolle mag das noch halbwegs gutgehen. Bei modernen, elastischen Garnen dagegen ist genau das die Ursache für Laufmaschen – der Druck dehnt die frischen Maschenschlingen unnötig weit aus, bevor sie überhaupt richtig abgeschlagen sind, und das Garn wird regelrecht überdehnt. Dass dabei manchmal einzelne Maschen ganz von der Nadel rutschen, ist ein eigenes Problem für sich.

Welches Garn grundsätzlich zu welcher Maschine passt, ist nochmal eine eigene Frage, die über den Abstreifer hinausgeht. Für den Abstreifer selbst reicht die Faustregel: Je elastischer das Garn, desto leichter die Einstellung.

Wollknäuel im Schlitten neben glattem Maschenbild – Unterschied durch richtig eingestellten Abstreifer

Ein Stück, das ohne Kampf vom Nadelbett rutscht

Fall zwei, derselbe Abstreifer, andere Einstellung: Rädchen sauber, Bürsten nicht zu tief, Schrauben gleichmäßig angezogen. Der Schlitten gleitet, ohne zu rattern. Als ich das letzte Mal abgekettet habe, ist keine einzige Masche gerissen, und das fertige Stück lag danach da, als käme es direkt aus einem Laden – glatt, ohne die kleinen Löcher und schiefen Reihen, die vorher überall zu sehen waren. Mit dem Wickelanschlag am Anfang der Reihe hat das im Übrigen nichts zu tun, der bleibt ein eigenes Thema.

Eine Nachbarin von mir joggt fast jeden Morgen durch den Augsburger Stadtwald, im selben Tempo, egal bei welchem Wetter. Bei meiner Maschine stellt sich dieses Gleichmaß nur ein, wenn der Abstreifer wirklich passt – sonst fängt jede Reihe wieder bei null an.

Zu fest, zu locker oder genau richtig

Der Vergleich der beiden Fälle läuft auf eine einfache Regel hinaus: Arbeitest du mit dünnem, elastischem oder synthetischem Garn, stell den Abstreifer so leicht wie möglich ein und lass die Bürsten kaum eingreifen – jeder Millimeter zu viel Druck geht zulasten der frischen Maschen. Arbeitest du dagegen mit klassischer, fester Wolle, darf der Abstreifer ruhig etwas fester sitzen, ohne dass gleich Laufmaschen drohen. Und in beiden Fällen gilt: Der Abstreifer arbeitet nicht allein, sondern zusammen mit der Sperrschiene darunter. Ist die Schiene verbogen oder verschlissen, kann der beste Abstreifer nichts mehr retten – aber das ist, wie ich in Warum die Sperrschiene bei der Brother Strickmaschine so wichtig ist schon beschrieben habe, wirklich eine andere Geschichte.

Schau also nicht nur auf die Nadeln, wenn der Schlitten zickt. Der Metallbügel vorne, mit seinen vier kleinen Rädern, entscheidet öfter über gutes oder schlechtes Gestrick, als sein unscheinbares Aussehen vermuten lässt.