
Ich zähle zum dritten Mal dieselbe Nadelreihe durch, als Heidi von unten in der Tür steht und fragt, ob man beim Maschinenstricken wirklich jede einzelne Nadel auf dem Nadelbett abzählen muss, um nicht durcheinanderzukommen. Ehrliche Antwort: nein. Und genau dieser Irrglaube hat mich am Anfang mit meiner alten Brother fast in den Wahnsinn getrieben — als Anfängerin denkt man automatisch, genaues Zählen im Kopf sei die einzige Lösung, dabei ist das meistens der Anfang vom Frust.
Meine alte Brother hat 200 Nadeln auf dem Hauptbett, die Teilung liegt bei 4,5 Millimetern — kaum Platz für einen Fingernagel dazwischen. In der Mitte sitzt die Null-Markierung, die das Bett in links und rechts teilt, und genau da beginnt der Denkfehler: Wer glaubt, er müsse ab der Null jede einzelne Nadel mitzählen, verliert sich spätestens beim dritten Handygebimmel oder wenn Heidi mit einer Frage dazwischenplatzt.

Muss man wirklich jede Nadel einzeln zählen?
Bei einem Pullover für mich selbst ist mir das mal richtig danebengegangen: Auf der einen Seite hatte ich 40 Maschen angeschlagen, auf der anderen aus Verzählen 50. Erst als beide Ärmel nebeneinanderlagen, sah ich, dass der eine für einen Erwachsenen passte und der andere eher für ein Kind. Kein Wunder, dass Heidi bei jedem Schritt laut zweifelt, ob das Ganze wirklich so kompliziert sein muss. Muss es nicht. Aber Zählen allein im Kopf reicht eben nicht.
Wenn dabei eine Masche von der Nadel rutscht, ist das auf der Maschine nochmal ein anderes Kaliber als beim Handstricken. Einmal hab ich versucht, eine verlorene Masche mit einer Häkelnadel wieder aufzunehmen, während der Rest der Reihe schon fertig auf der Maschine hing. Am Ende hatte ich nur noch mehr verzogen, statt etwas gerettet. Seitdem weiß ich: Vorbeugen mit einem System schlägt Reparieren im Nachhinein.
Klebestreifen, Sperrschiene und ein teurer Reinigungsnachmittag
An einem regnerischen Nachmittag klebte ich bunte Washi-Streifen unter die Nadeln, weil ich mich nicht traute, mit einem Edding direkt aufs Metall zu malen, aus Angst, den Flohmarktfund für 60 Euro zu ruinieren. Die ersten zehn Reihen sahen die Streifen richtig ordentlich aus, fast wie kleine bunte Fähnchen auf dem Metall.
Nach zehn Reihen löste sich das Tape durch die Reibung des Schlittens, wickelte sich um eine Nadel, und der Faden verknotete sich komplett. Erst dabei hab ich kapiert, wie wichtig es ist, dass die Sperrschiene sauber bleibt — Kleberreste darin bedeuten stundenlanges Putzen mit Reinigungsbenzin statt weiterzustricken.
Vreni von oben kam extra runter, weil sie das Reinigungsbenzin bis auf den Flur gerochen hatte, und fragte nur trocken, was ich diesmal kaputtrepariere. Dass die eingeprägten Zahlen auf der Schiene nach Jahrzehnten kaum noch lesbar sind, hatte ich schon in meinem Text über gute Beleuchtung an der Strickmaschine beschrieben — aber Licht allein bringt nichts, wenn man nicht weiß, wo man überhaupt hinschauen soll. Warum Kleberreste in der Mechanik überhaupt ein Problem sind, erkläre ich genauer in meinem Beitrag zur gläsernen Strickmaschine.
Zehnerblöcke am Nadelbett statt Zahlenraten
Was seitdem zuverlässig funktioniert: ein wasserlöslicher Folienstift, wie ihn früher Leute für Overheadprojektor-Folien benutzt haben. Der lässt sich rückstandslos vom Metall wischen, ohne die Mechanik zu verkleben. Ich markiere von der Null-Markierung aus jede zehnte Nadel — bei 10, 20, 30 und so weiter — mit einem kleinen Punkt oben auf der Schiene, direkt hinter den Nadeln.

Der Unterschied zur Einzelnadel-Zählerei ist simpel: Ich sehe auf einen Blick, wo ich gerade stehe, statt bei jeder Abnahme am Halsausschnitt wieder "fünf Nadeln von der Kante" zu zählen — ich schaue nur noch, ob ich zwischen der Markierung bei 30 und der bei 40 bin. Gekostet hat der Stift 2,50 Euro, also fast nichts im Vergleich zu teurem Zubehör, das am Ende doch nur in der Schublade landet.
Gerade bei Materialien, die zickig sind, macht das System den Unterschied — wenn ich zum Beispiel mit Baumwolle auf der Brother Strickmaschine arbeite, will ich meine Aufmerksamkeit beim Maschenbild haben und nicht mit der Nase am Metall nach Zahlen suchen. Bevor ich nach den neuen Markierungen die erste Reihe anschlage, fädle ich neu ein, und der Widerstand, den ich zwischen den Fingerspitzen spüre, wenn der Faden bis zur Spannungsscheibe läuft, verrät mir eigentlich schon, ob der Rest der Reihe entspannt wird.
Was der Zehnerblock-Trick im Alltag wirklich bringt
Bei der letzten Maschenprobe, die ich vor einem neuen Projekt gestrickt habe, stimmte die Rechnung aufs Millimeter genau mit dem überein, was ich vorher auf dem Papier ausgerechnet hatte — keine Ahnung, wie oft mir das vorher nur ungefähr gelungen ist. Das ist für mich das eigentliche Kriterium, ob ein Markierungssystem überhaupt taugt: Wenn deine berechnete Maschenzahl exakt mit der Nadel unter deinem Stift zusammenpasst, ohne dass du nachzählen musst, funktioniert es. Wenn nicht, zählst du doch wieder von vorne.
Der Trugschluss ist also nicht das Zählen an sich, sondern der Glaube, man müsse es ganz ohne Hilfsmittel im Kopf schaffen. Ein abwischbarer Stift und etwas Geduld ersetzen keine Übung, aber sie nehmen dem Nadelbett den Schrecken. Falls du gerade selbst vor einer alten Maschine sitzt und die Zahlen nicht findest: Fang einfach bei der Null in der Mitte an und zähl in Zehnern. Heidi behauptet zwar immer noch, das klinge nach viel zu viel Mathe für ein Hobby — aber selbst sie markiert inzwischen heimlich mit, wenn sie bei mir vorbeischaut.