
Sieben Wollstreifen liegen bei mir auf dem Tisch, jeder rollt sich am unteren Rand nach innen ein wie eine kleine Teigrolle. Genau darum geht es in Woche 12 meines Lerntagebuchs: Bündchen stricken ohne Doppelbett, an meiner alten Brother aus der KH-Reihe vom Flohmarkt. Für „echte" Bündchen mit dem typischen Rechts-Links-Muster bräuchte ich eigentlich das passende Zusatzteil dazu, das KR-850 Doppelbett – aber das ist gerade kein Posten, den ich mir leisten will, nur damit ein Rand nicht mehr rollt. Also arbeite ich mit dem, was ich habe: 200 Nadeln auf einem einzigen Bett, im Abstand von 4,5 Millimetern, die zuverlässig glatt rechts können und sonst nichts.
Glatt rechts rollt sich ein, das lernt man schnell, sowas wie ein Naturgesetz beim Maschinenstricken. Eine Maschenprobe stricke ich inzwischen vor jedem größeren Teil, auch wenn ich die Berechnung dahinter hier nicht erklären will. Zwei Techniken haben sich für mich als brauchbar herausgestellt, seit ich mich durch alte Anleitungshefte aus der Stadtbücherei Augsburg gewühlt habe: das Hochhäkeln von Hand und ein Trick namens Fangpatent-Saum. Beide brauchen kein Doppelbett, beide brauchen aber Geduld, die ich mir erst erarbeiten musste.
Maschinenstrick-Grundlagen ohne Doppelbett: erst mal nur Frust
In einem der ausgeliehenen Heftchen stand die Technik des Hochhäkelns beschrieben. Die Idee ist einfach erklärt: Man strickt alles glatt rechts, lässt dann gezielt jede zweite Masche fallen und zieht sie mit einer Arbeitsnadel – diesem kleinen Häkchen mit der Klappe – von der Rückseite wieder hoch. So entsteht ein 1x1-Bündchen, weil die Maschen künstlich umgedreht werden. Bevor ich überhaupt losgelegt habe, hab ich einen kleinen Wickelanschlag gestrickt, den ich inzwischen ohne Nachdenken hinkriege – wie man den im Detail richtig macht, ist aber ein eigenes Thema für sich.

Ausprobiert habe ich das an einem schwülen Nachmittag, mit billigem Übungsgarn, weil ich für die ersten Versuche sowieso nicht das gute Material verschwenden wollte – welches Garn sich für die Maschine überhaupt eignet, ist wieder eine andere Geschichte. Meine Finger haben danach nach kaltem, leicht metallischem Öl gerochen, dieser Geruch, der von den frisch geschmierten Nadeln kommt und sich tagelang hält, egal wie oft man sich die Hände wäscht. Nach vier gescheiterten Streifen hatte ich einen Rhythmus gefunden. Es geht schneller als von Hand zu stricken, aber man braucht dabei eine Konzentration, die schnell wieder kippt, sobald man abgelenkt ist.
Was passiert, wenn eine Masche einfach durchrutscht?
Heidi aus dem Erdgeschoss stand genau in diesem Moment in der Tür und schaute zu. Sie überlegt seit Wochen, sich selbst eine gebrauchte Maschine zu kaufen, und zweifelt bei praktisch jedem Schritt, den ich mache: „Ist das wirklich richtig so?", fragte sie, gerade als die Masche, die ich hochhäkeln wollte, nicht nur eine Reihe tief fiel, sondern bis ganz nach unten zum Kamm durchrutschte. Die ganze Reihe löste sich auf, fast in Zeitlupe.
Panisch hab ich zur nächsten Nadel gegriffen, die ich finden konnte – eine normale Häkelnadel aus meiner Handarbeitskiste, keine Arbeitsnadel mit Klappe. Das war der Fehler. Statt die Masche sauber aufzunehmen, hab ich mit der Häkelnadel nur die Nachbarmaschen mit erfasst und alles noch enger verdreht, bis der ganze Streifen an der Stelle löchrig aussah wie ein Sieb. Diese Art von Maschenfall – ungeplant, nicht der kontrollierte beim Hochhäkeln – braucht offenbar wirklich das richtige Werkzeug, sonst macht man es nur schlimmer. Wer noch komplett verloren ist, wenn es um die Nadeln selbst geht, dem hilft vielleicht mein Text dazu, wie ich die Brother Strickmaschine Nadelpositionen endlich verstanden habe. Das bändigt zumindest das Chaos auf dem Bett, bevor man überhaupt beim Bündchen ist.
Der Fangpatent-Saum als Rettung für mein Bündchen
Jetzt aber zu dem, was eigentlich funktioniert hat. Es gibt nämlich etwas, das deutlich entspannter ist als das ewige Hochhäkeln: einen Fangpatent-Saum mit einem Hilfsfaden. Man strickt ein paar Reihen mit einem Kontrastfaden, den man später wieder abtrennt, dann die eigentliche Wolle, und nutzt die Fangpatent-Funktion (Tuck) am Schlitten, um einen stabilen Knick ins Gestrick zu bekommen.
Für diesen Saum musste ich die Fadenspannung etwas lockerer stellen als beim normalen Glattrechts-Stricken, sonst zieht sich der Rand zu fest zusammen – wie man die Spannung grundsätzlich richtig einstellt, würde hier aber zu weit führen. Elastisch wie ein echtes Rippenbündchen wird der Rand dadurch nicht, aber er liegt flach, und das allein fühlt sich nach den ganzen Rollrändern schon wie ein kleiner Sieg an. Zum Abketten komme ich bei den Übungsstreifen ohnehin selten, weil ich die meisten wieder aufziehe, sobald ich das Ergebnis fotografiert habe.

Deutlich weniger nervenaufreibend als das Umhängen jeder zweiten Masche mit dem Deckerkamm, finde ich. Wer das trotzdem probieren möchte, ich hab dazu auch schon mal geschrieben, wie man Maschen umhängen mit dem Deckerkamm üben kann, ohne komplett wahnsinnig zu werden. Für den Anfang bleibt der Fangpatent-Saum bei mir aber der Favorit.
Zwölf Stunden später liegt der Rand endlich flach
Zwölf Stunden habe ich in den letzten Wochen allein in Bündchen-Versuche gesteckt. Ausgegeben dafür: die 60 Euro für die Maschine vom Flohmarkt und etwa 15 Euro für das billige Übungsgarn, mehr nicht. Was sich dagegen richtig verändert hat, ist etwas, das man nicht in Euro messen kann: Diese Woche habe ich die Maschine zum ersten Mal komplett aus dem Gedächtnis eingefädelt, ohne mein Notizbuch danebenzulegen und jeden Schritt nachzuschlagen. Die Finger wussten offenbar schon, wo der Faden hindurch muss, bevor mein Kopf hinterhergekommen ist.
Meine Nachbarin Vreni, die zwei Stockwerke über mir wohnt und selbst eine alte Nähmaschine besitzt, hat mal vorbeigeschaut, als der Schlitten komische Geräusche gemacht hat, und mir erklärt, wie man bei so alten Geräten den Antriebsriemen prüft. Bei meiner Strickmaschine lag es zum Glück nicht daran – aber gut zu wissen, falls die alte Brother irgendwann mal wirklich zickig wird. Wie die Maschenbildung im Detail funktioniert, verstehe ich bis heute nicht zu hundert Prozent, aber fürs Bündchen-Problem reicht mein Grundwissen offenbar aus.
Jetzt wage ich mich ans erste Rückenteil
Der kleine Streifen 1x1-Rippen, der jetzt vor mir liegt, ist nicht perfekt – an einer Stelle ist die Spannung etwas locker, aber er rollt sich nicht mehr ein. Genau das war das Ziel, nichts Kompliziertes, nur ein Rand, der flach bleibt, ohne dass ich Geld für ein zweites Nadelbett ausgebe.
Falls euer Zubehör auch noch im ganzen Wohnzimmer verteilt liegt, so wie bei mir am Anfang: Ich hab aufgeschrieben, wie ich mein Strickmaschine Zubehör mittlerweile organisiere. Das spart die Zeit, die man sonst mit der Suche nach der Arbeitsnadel verbringt, genau in dem Moment, in dem man endlich im Flow ist.
Die eine Lektion aus zwölf Wochen Bündchen-Frust: Man muss nicht gleich in teures Zubehör investieren, um ein brauchbares Ergebnis hinzubekommen – manchmal reicht ein Trick mit dem, was man schon hat, und ein bisschen Geduld beim Üben. Und jetzt wage ich mich an das erste richtige Rückenteil. Ohne Doppelbett, aber mit reichlich Mut zur Lücke.