Gestricktes richtig dämpfen und spannen für eine glatte Oberfläche

Gestricktes richtig dämpfen und spannen für eine glatte Oberfläche – eingerolltes Strickstück vor dem Finish

Warum rollt sich Glatt rechts nach dem Stricken sofort wieder ein?

Ein fertiges Stück Glatt rechts schnappt beim Loslassen sofort wieder zusammen, als hätte es einen eigenen Willen. Genau das ist beim Maschinenstricken einer der ersten Anfänger-Schocks, noch bevor überhaupt Dämpfen und Spannen ins Spiel kommen. Die Maschenköpfe und Maschenfüße sind unterschiedlich gespannt, und die Wolle merkt sich offenbar genau, wie sie auf der Maschine verarbeitet wurde – sie will zurück in die lockere Form, in der sie ursprünglich aufgewickelt war.

Bevor ich überhaupt beim Dämpfen gelandet bin, hab ich an ganz anderer Stelle Lehrgeld gezahlt, ähnlich wie beim Kampf mit den gefallenen Maschen: Bei der Fadenspannung hab ich anfangs einfach auf gut Glück eingestellt und gehofft, dass es schon passt. Hat's nicht. Das Strickstück kam wellig und ungleichmäßig von der Maschine, noch bevor überhaupt Dampf im Spiel war – zwei Baustellen, die sich gerne überlappen: was während des Strickens an der Maschine passiert, und was hinterher beim Finish passiert.

Wenn ich heute unter der Schreibtischlampe an der Fadenführung nachjustiere, seh ich sofort die kleinen Fingerabdrücke auf der Plastikabdeckung – ein Zeichen dafür, wie oft ich da schon rumgefummelt hab, bis die Spannung halbwegs saß.

Eingerolltes Strickstück in Glatt-Rechts-Optik vor dem Dämpfen und Spannen beim Maschinenstricken

Der Unterschied zwischen Spannen und Dämpfen

Spannen und Dämpfen werden gerne in einen Topf geworfen, sind aber zwei verschiedene Schritte. Beim Spannen fixiert man das Strickstück erst mal in Form, bevor überhaupt Hitze ins Spiel kommt. Erst danach kommt der Dampf dazu, der die Fasern kurz entspannt und die Maschen zueinanderfinden lässt. Wer nur spannt und nie dämpft, bekommt selten eine wirklich glatte Oberfläche – die Kanten liegen dann zwar gerade, aber die Maschenstruktur bleibt unruhig.

Die richtige Zugstärke beim Spannen

Zu fest ziehen ist der klassische Fehler. Wenn man die Kanten bis an die Grenze auseinanderzieht, verliert das Strickstück seinen natürlichen Fall und wirkt hinterher bretthart. Meine Faustregel: Ich richte nur so weit aus, dass die Kanten gerade liegen, nicht einen Millimeter mehr – die Maschen sollen entspannt daliegen, nicht unter Dauerspannung stehen. Wenn sich das Stück beim Ausrichten schon wehrt, ist das für mich das Signal, sofort lockerzulassen.

Fürs Fixieren nehme ich inzwischen nur noch rostfreie Stecknadeln aus Edelstahl, seit ich zehn Euro für ein Set ordentlicher Quilt-Nadeln ausgegeben hab – billige Nadeln hinterlassen sonst irgendwann Rostflecken auf der Wolle.

Rostfreie Stecknadeln spannen ein graues Strickstück auf einer Yoga-Matte beim Blocken

Bertl, ein Rentner aus einem Maschinenstrick-Onlineforum, hat mir dazu neulich geschrieben: „Ich benutze Waescheklammern statt Nadeln, halten genauso gut und man hat nicht so viele Loecher im Rand." Er schreibt grundsätzlich ohne Umlaute, eine alte Gewohnheit aus seinen Forumszeiten, und ich musste den Satz erst zweimal lesen, bis ich kapiert hab, was er eigentlich meint.

Dampf richtig einsetzen, ohne die Wolle zu verbrennen

Beim Dämpfen halte ich das Bügeleisen immer ein paar Zentimeter über das Gestrickte, nie direkt drauf. Sobald ich den leisesten glänzenden Schimmer oder einen leicht klebrigen Widerstand seh, zieh ich sofort weg – das ist meistens ein Zeichen, dass im Garn ein Synthetikanteil steckt, der schneller reagiert als reine Wolle. Lieber einmal zu wenig Dampf als einmal zu nah dran.

Genauso aufpassen muss man übrigens beim Abnehmen für den Armausschnitt – auch da reicht ein kurzer unachtsamer Moment, damit die Form nicht mehr stimmt.

Glattes, gedämpftes Strickstück mit sichtbarem Maschenbild neben Notizen im Lerntagebuch

Was Dämpfen nicht reparieren kann

Dampf und Spannen sind ein Finish-Schritt, kein Wundermittel. Maschenfall, verrutschte Nadelpositionen, ein Wickelanschlag, der schon beim Anschlagen schiefgeht, oder Maschen, die beim Umhängen am Deckerkamm verlorengehen, repariert der Dampf nicht – und eine Maschine, die dringend mal eine Reinigung und Ölung braucht, wird davon auch nicht besser.

Ebenso wenig hilft er, wenn die Maschenbildung insgesamt unruhig aussieht, das Einfädeln am Anfang schon nicht sauber war oder die Schlitteneinstellungen nicht zum Garn gepasst haben.

Auch ein Abketten, das schon beim Zumachen der letzten Reihe schiefgelaufen ist, oder eine von Anfang an unpassende Garnwahl – das bügelt am Ende kein Dampfbügeleisen der Welt gerade. Dämpfen und Spannen kaschieren höchstens die Oberfläche, sie beheben keine Fehler, die tiefer sitzen.

Warum das Strickstück komplett trocknen muss, bevor die Nadeln raus dürfen

Komplett, ist die kurze Antwort. Wenn man ungeduldig ist und die Nadeln zieht, während noch Feuchtigkeit drin ist, schnappt das Strickstück sofort wieder zusammen, als wäre nie was passiert. Ich lass die Teile inzwischen über Nacht auf der Matte liegen, bevor ich überhaupt dran denke, was rauszunehmen.

Neulich hab ich vor dem Dämpfen extra noch mal meine Maschenprobe nachgerechnet, um zu wissen, wie breit das Teil am Ende überhaupt werden darf – und zum ersten Mal ist die Berechnung aufs Millimeter genau aufgegangen, ohne dass ich hinterher improvisieren musste. Nach über einem Jahr an der Maschine ist das für mich immer noch das beste Gefühl: wenn Theorie und fertiges Stück tatsächlich zusammenpassen. Mein Fazit fürs Lerntagebuch bleibt simpel: Lieber einmal zu wenig ziehen und zu lange trocknen lassen als einmal zu viel – eine flache Fläche bekommt man notfalls nachträglich noch glatter, eine überdehnte Kante nicht mehr zurück.