Maschenweite an der Strickmaschine für unterschiedliche Garne richtig einstellen

Maschenweite an der Strickmaschine für unterschiedliche Garne richtig einstellen

Ein Wollknäuel, das butterweich zwischen den Fingern liegt, und ein Schlitten, der sich stur querstellt und einfach nicht durchläuft; genau dazwischen wohnt die Maschenweite, und lange habe ich nicht verstanden, warum die beiden sich so selten einig sind.

Meine Brother-Strickmaschine hab ich für 60 Euro auf dem Flohmarkt entdeckt, und in den ersten drei Wochen danach hab ich nur Knoten produziert, keine einzige brauchbare Reihe.

Als komplette Anfängerin hab ich den Maschenweitenregler behandelt wie den Lautstärkeregler am Küchenradio: ein bisschen mehr, ein bisschen weniger, wird schon passen. Hat es nicht. Das metallische Klonk, wenn der Schlitten sich verhakt, kenn ich seitdem auswendig, und mit der Zeit hab ich gemerkt: Garnkunde und Maschenweite gehören einfach zusammen.

Gabi aus dem Architekturbüro fragt mich beim Mittagessen bis heute, wozu man für eine simple Masche zehn verschiedene Einstellungen braucht; für sie bleibt das reine Zeitverschwendung, und ganz unrecht hat sie manchmal nicht.

Was bedeuten die Zahlen 0 bis 10 am Schlitten wirklich?

Die Maschenweite, kurz MW, ist bei den meisten Heimstrickmaschinen eine Skala von 0 bis 10, und sie regelt eigentlich nur eine einzige Sache: wie tief die Nadeln die Schlinge nach hinten ziehen. Kleine Zahl, kleine Schlaufe, enges Gestrick. Große Zahl, große Schlaufe, luftiges Gestrick. Klingt simpel, aber bei mir hat es trotzdem Monate gedauert, bis der Groschen gefallen ist.

Genau wie Hefeteig nicht aufgeht, wenn man ihn zu fest knetet, braucht auch das Garn zwischen den Nadeln Platz zum Atmen. Meine Brother ist ein Feinstricker mit einem Nadelabstand von 4,5 Millimetern, und das setzt eine harte physikalische Grenze: einen klobigen Pullover aus dicker Wolle bekommt man auf so einer Maschine schlicht nicht hin, egal wie clever man den Regler dreht.

Nahaufnahme des Maschenweitenreglers an einer Brother Strickmaschine beim Einstellen der Skala für Anfänger.

Der Blick durch die 'gläserne' Strickmaschine

Detailansicht der Nadeln an der Strickmaschine, die unterschiedliche Maschenweiten je nach Garnstärke zeigen.

Der Anstoß dafür kam ausgerechnet bei einem Besuch im Textilmuseum Augsburg, dem tim, wo ein paar uralte Rundstrickmaschinen hinter Glas standen und man die Nadeln und Schlingen von außen sehen konnte, fast wie eine offene Bauanleitung. Seitdem stelle ich mir beim Stricken einfach vor, wie der Faden durch die Nadeln gleitet, ähnlich wie bei der gläsernen Strickmaschine, von der ich mal gelesen habe. Wenn der Abstand zwischen den Schlingen zu eng ist, entsteht ein Stau, ganz ähnlich wie an einer überfüllten Kreuzung im Feierabendverkehr.

Beim Testen mit Sockenwolle hab ich mal die Weite viel zu eng gestellt, weil ich unbedingt ein besonders festes Bündchen wollte, und der Schlitten hat sich so verkantet, dass sich eine Nadel verbogen hat. Mit der Flachzange hab ich versucht, sie selbst wieder gerade zu biegen; es hat leidlich geklappt, aber die Masche an der Stelle war seitdem nie mehr ganz sauber, und kurz danach hab ich die Nadel doch ausgetauscht. Seitdem weiß ich: Garnwahl und Maschenweite hängen enger zusammen, als das Etikett am Wollknäuel verrät.

Das Garnetikett sagt nicht die ganze Wahrheit

Vergesst Tabellen, die pauschal behaupten, Sockenwolle brauche immer MW 7; bei mir stimmt das selten. Die Fadenspannung am Fadenführer und wie stramm ich die Kone in die Bremse einlege, verändern das Ergebnis oft mehr als die Zahl am Schlitten.

Wenn ich das Garn oben zu stramm einfädle, zieht sich das Gestrick unten an den Nadeln zusammen, egal was ich am Schlitten drehe; deshalb ist die Einstellung am Schlitten für mich nur die halbe Miete. Ich achte inzwischen genauso auf den Faden, der locker von der Kone laufen muss, wie auf die Zahl, die ich einstelle.

In Woche 5 lief der Schlitten plötzlich ruhig durch

Ende der fünften Woche saß ich mit einem dünnen Baumwollgarn an der Maschine, hatte die Weite nach einer kurzen Anpassung eingestellt und den Schlitten durchgezogen, und plötzlich war da dieser gleichmäßige Takt, klack, klack, klack, ohne das Ruckeln, das ich sonst kannte, ohne dieses kurze Zögern, bei dem man schon ahnt, dass gleich wieder etwas klemmt. Ich hab kurz angehalten, nur um zu prüfen, ob ich mich verhört habe.

Die Treppenstufen-Methode für die richtige Maschenweite

Zwei Garne im direkten Vergleich zu stricken, zum Beispiel ein dünneres Industriegarn gegen klassische vierfädige Wolle, mache ich am liebsten in Treppenstufen: bei MW 4 anfangen, 20 Reihen stricken, auf MW 5 wechseln, dann MW 6, und so weiter. Eine kurze Maschenprobe stricke ich vorher trotzdem immer, auch wenn ich sie nicht besonders mag; wie man die genau berechnet, ist aber nochmal ein eigenes Thema für sich. Am Ende sieht man auf einen Blick, bei welcher Stufe das Gestrick den schönsten Fall hat, ohne dass man für jedes Garn ein komplett neues Probestück anschlagen muss.

Adele, die öfter unter meinen Beiträgen kommentiert, hat mir letztens eine regelrechte Abhandlung geschrieben, dreigeteilt und fein durchnummeriert, mit der Frage, warum ihr Gestrick bei gleicher Maschenweite mal glatt und mal löchrig wird. Meine Antwort war simpel: oft liegt es nicht an der Zahl am Schlitten, sondern daran, ob unterwegs eine Masche von der Nadel gerutscht ist, was gerade bei ungleichmäßigem Garn schneller passiert, als man denkt.

Wer beim Ausprobieren der Weite mal eine Masche verliert, dem hilft ein Blick darauf, wie man gefallene Maschen rettet, bevor man das ganze Stück wieder auftrennt.

Fazit: kein Ratespiel mehr an der Maschenweite

Mein Lerntagebuch zeigt heute deutlich weniger rote Ausrufezeichen als am Anfang. Insgesamt hab ich bisher etwa 280 Euro für Wolle und Zubehör ausgegeben, die 60 Euro für die Maschine selbst nicht mitgerechnet, und die Maschenweite ist für mich vom Ratespiel zur festen Gewohnheit geworden.

Strickmaschinen sind kleine Diven, die verstanden werden wollen. Wenn es im Schlitten kracht, war ich meistens einfach zu gierig und hab dem Garn eine Form aufzwingen wollen, die nicht zu ihm passt. Nehmt euch die Zeit für die Probe. Eure Nerven danken es euch, und die Maschine sowieso.