Bunte Motive: Intarsien stricken an der Strickmaschine ohne Spannfäden

Intarsien stricken an der Strickmaschine ohne Spannfäden – bunte Farbflächen ohne Störfäden

Der blaue Faden hängt schon über der Nadel, der rosa liegt noch locker auf dem Nadelbett – und bevor der Schlitten überhaupt losfährt, kreuze ich die beiden, ohne lange nachzudenken. Genau dieser eine Handgriff entscheidet beim Maschinenstricken mit Intarsien-Technik an der Brother-Strickmaschine darüber, ob am Ende ein sauberes Farbfeld ohne Spannfäden dasteht oder ein klaffendes Loch mitten im Gestrick.

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Der Punkt, an dem Spannfäden zum echten Problem werden

Beim klassischen zweifarbigen Muster bleiben auf der Rückseite immer lange Spannfäden zwischen den Farbwechseln. Zu lang, und man bleibt beim Anziehen mit einem Ring oder einem Fingernagel hängen. Bei der Intarsien-Technik gibt es das nicht: Für jedes Farbfeld läuft ein eigenes Knäuel, ohne dass ein Faden quer über die Rückseite gespannt wird. Genau das nennt man Intarsie, und genau das macht die Technik für Motive mit klaren, großen Farbflächen so reizvoll.

200 Nadeln und der tatsächliche Platz

Meine Brother hat einen Nadelabstand von 4,5 Millimetern, verteilt auf 200 Nadeln im Bett. Klingt nach viel Raum, bis man versucht, dort von Hand Farben zu wechseln, ohne genau zu wissen, welche Nadel als Nächstes drankommt. Für Intarsien gibt es einen eigenen Schlitten, den KA-8210, zwingend nötig ist er aber nicht. Auch mit dem normalen Schlitten funktioniert es, wenn die Nadeln sauber in die E-Position geschoben sind und die Zungen offenstehen, bevor der Faden aufliegt. Neben der E-Position kennt die Brother noch die Stellungen A, B und D, aber für Intarsien reicht die vordere Position, in der alle Zungen offenbleiben.

Nadeln in E-Position an der Brother-Strickmaschine für den Fadenwechsel beim Intarsienstricken

Fäden verkreuzen, bevor der Schlitten weiterläuft

Adele Witzig, eine Leserin, die regelmäßig in den Kommentaren mitschreibt, hat mich neulich gefragt, ob sich das Prinzip auch auf ihre Pfaff übertragen lässt – andere Marke, aber offenbar dieselbe Grundfrage. Die Antwort ist ja, denn der Trick ist unabhängig vom Maschinentyp: Beim Farbwechsel führt man den neuen Faden unter dem alten hindurch, bevor der Schlitten die Reihe fertigstrickt. So legt sich der alte Faden über den neuen, und genau an dieser Kreuzung entsteht die Verbindung, die sonst als Loch offenbleibt.

Bevor ich das begriffen hatte, habe ich beim Farbwechsel einmal vergessen, die Fäden zu kreuzen, und die Reihe wurde trotzdem fertiggestrickt, als wäre nichts gewesen. Das Ergebnis war ein klaffendes Loch mitten im Motiv, groß genug, dass ich das ganze Stück wieder auftrennen musste. Auf der Suche nach einer Erklärung habe ich mir stundenlang englischsprachige YouTube-Anleitungen angeschaut – und am Ende trotzdem nicht kapiert, wie die zwei Fäden sich beim Farbwechsel wirklich kreuzen sollen. Zu viele Fachbegriffe, zu wenig Nahaufnahme der Hände.

Die ausführlichste Erklärung zum Thema Kreuzen habe ich im Kurs Die gläserne Strickmaschine gefunden, gezielt in der Intarsien-Lektion. Dort wird das Kreuzen in Zeitlupe gezeigt, Hand für Hand, ohne dass man raten muss, welcher Faden wann wohin greift.

Neulich hat mitten in einer Reihe eine Nadel geklemmt, und ich musste nicht lange raten: Fünf Minuten, dann stand fest, welche Zunge sich nicht richtig geöffnet hatte. Bleibt eine Nadel in der falschen Position, fallen ohnehin schnell Maschen – wie man gefallene Maschen an der Strickmaschine rettet, ist aber ein eigenes Thema, das mit der Intarsien-Technik selbst wenig zu tun hat.

Die Augen beim Intarsienstricken ermüden schneller als die Hände

Die Augen ermüden bei Intarsien oft schneller als die Hände, und das wird leicht unterschätzt. Man muss den Faden manuell über die offene Zunge legen, bei einem Nadelabstand von 4,5 Millimetern und über etliche Nadeln hinweg. Wer die falsche Nadel erwischt oder eine noch geschlossene Zunge übersieht, merkt das oft erst zwei Reihen später.

Über meinem Schreibtisch hängt inzwischen ein kleiner runder Spiegel, schräg genug angebracht, dass ich die Nadelreihe von oben sehen kann, ohne mit der Nase fast am Nadelbett zu kleben. Klingt improvisiert, hilft aber mehr als jede zusätzliche Lampe, die ich vorher ausprobiert habe. Man braucht bei dieser Technik ohnehin eine gewisse taktile Sicherheit – man muss auch fühlen, ob der Faden in der Nadel liegt, wenn das Auge gerade nicht hinterherkommt.

Zusätzliches Licht an der Strickmaschine für präzises Arbeiten bei Intarsien und kleinen Nadelabständen

Schlitten, Gewichte und der Unterschied zwischen Zufall und System

Zwei Dinge haben mir am meisten Nerven gekostet, und beide haben nichts mit dem Fadenkreuzen selbst zu tun. Vergesse ich, die Gewichte nachzuhängen, kommt der Rand hoch und das ganze Stück verzieht sich. Ziehe ich den Faden beim Farbwechsel zu stramm, zieht sich das Motiv zusammen, fast wie ein eingelaufener Pullover.

Den Schlitten richtig einzustellen löst das erste Problem, weil er die Nadeln dann nicht vorzeitig in die Ruheposition zurückschiebt, bevor der Faden überhaupt liegt. Das zweite Problem hat mehr mit der allgemeinen Fadenspannung zu tun als mit Intarsien im Speziellen – ein eigenes Thema, das hier zu weit führen würde.

Meine Kollegin Gabi Endriss bringt mir ab und zu Wollreste aus einem Outlet-Laden mit, obwohl sie selbst nicht strickt. Für Intarsien sind gerade solche Restposten in ungewöhnlichen Farben nützlich, weil man pro Feld ja nur kleine Mengen braucht. Testfäden hängen bei mir mit Wäscheklammern am Fensterrahmen, einfach damit ich sehen kann, wie zwei Farben nebeneinander wirken, bevor sie überhaupt in die Maschine kommen. Nicht jede Wolle eignet sich gleich gut für den Wechsel – dünnere Garne lassen sich leichter kreuzen als sperrige Effektgarne, aber das ist nochmal ein eigenes Thema für sich.

Realistisch gerechnet kostet ein sauberes, lochfreies Farbfeld von zehn Zentimetern schon mal gut zwei Stunden – auch wenn die Grundtechnik längst sitzt. Wer das vorher weiß, ärgert sich weniger über das Tempo und konzentriert sich stattdessen auf die Kreuzung an jeder einzelnen Farbwechsel-Stelle.

Wer mit einer gebrauchten Maschine anfängt und sich fragt, ob mehr als gerade Schals drin ist: Die Antwort hängt weniger von der Maschine ab als vom System, das man sich aneignet. Sitzen Fadenspannung, Nadelposition und das Timing beim Farbwechsel einmal zusammen, ist Intarsien kein Kunststück mehr, sondern eine Technik wie jede andere. Für alle, die noch überlegen, ob sich ein strukturierter Kurs für Anfängerinnen überhaupt lohnt, erkläre ich in einem separaten Beitrag, warum sich der Kauf der gläsernen Strickmaschine lohnt.