
Der Zettel mit den Buchstaben A, B, D und E klebt schräg am Nadelbett meiner alten Brother, direkt neben dem Schlitz für die Lochkarte. Wer mich fragt, wie ich als komplette Anfängerin am Maschinenstricken überhaupt Norwegermuster hinbekommen habe, bekommt meistens genau diesen Zettel gezeigt. Denn dort liegt der Denkfehler, den ich selbst lange hatte: Ich dachte, ohne eine Maschine mit richtiger Lochkarten-Technik geht beim zweifarbigen Stricken gar nichts.
Dieser Mythos hält sich hartnäckig in fast jedem Anfänger-Forum: Norwegermuster gehen angeblich nur mit einer computergesteuerten oder wenigstens einer Lochkarten-Maschine. Stimmt so nicht. Was ein Muster mit zwei Farben wirklich braucht, ist eine Möglichkeit, einzelne Nadeln gezielt vorzuschieben – ob automatisch über eine Karte oder von Hand, Nadel für Nadel, macht am fertigen Stück keinen Unterschied. Meine Faustregel für alle, die noch zögern, ob sich eine gebrauchte mechanische Maschine überhaupt lohnt: Erst ein kleines Muster mit Handauswahl der Nadeln probieren, bevor man wegen der Automatik gleich das teurere Modell kauft. Ist einem das zu fummelig, weiß man wenigstens, wofür man das Geld später ausgibt.
Braucht man wirklich eine Lochkarten-Maschine für Norwegermuster?
Meine Brother vom Flohmarkt hat so eine kleine Trommel für die Lochkarte, und sobald die Karte einrastet, schiebt die Maschine automatisch die passenden Nadeln vor. Das ist die Mechanik hinter der guten alten Lochkarte – eigentlich ein mechanisches Gedächtnis fürs Muster. Genau das hat mich anfangs in die Irre geführt: Ich dachte, ohne dieses eine Bauteil geht bei zwei Farben gar nichts.
In Wirklichkeit ist die Karte nur Komfort, keine Voraussetzung. Auch ganz einfache Maschinen ohne jeden Kartenschlitz schaffen dasselbe Muster, wenn man die Nadeln von Hand in die richtige Reihenfolge bringt – mühsamer, aber am fertigen Stück sieht man später keinen Unterschied.

Wie viel Platz allein die Karten und das ganze Kleinzeug drumherum brauchen, würde hier zu weit führen – dazu hab ich schon woanders aufgeschrieben, wie ich mein Strickmaschine Zubehör platzsparend und übersichtlich organisiere. Das eigentliche Einfädeln der zwei Fäden in die Führungen hat mich am Anfang übrigens mehr genervt als die Musterauswahl selbst, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Zwei Farben, ein Schlitten und jede Menge Missverständnisse
Ich hab am eigenen Leib erfahren, dass zweifarbiges Maschinenstricken mit dem Handstricken erstaunlich wenig gemeinsam hat, obwohl beide unter demselben Namen laufen – Fair Isle oder eben Norwegermuster. Ein zweiter Irrtum, dem ich selbst aufgesessen bin: jede Wolle tut es schon, solange die Farbe passt. Billige Supermarktwolle hat mir das Gegenteil bewiesen – die hat sich bei jedem Farbwechsel sofort um die Nadeln gewickelt, bis der Schlitten komplett feststeckte. Bei der Garnwahl für ein Muster mit zwei Fäden gibt es eigene Kriterien, die hier aber zu weit führen würden.
Bevor überhaupt ein Muster angefangen wird, gehört eigentlich eine Maschenprobe dazu, aber wie man die für die eigene Maschine richtig berechnet, ist wieder ein eigenes Kapitel. Neulich saßen Seraphine und ich mit einem Kaffee to go auf einer Bank am Rathausplatz, und sie hat mir die Fadenspannung beim Farbwechsel in Häkelbegriffen erklärt – für sie ist eine zu straff gezogene Kontrastfarbe dasselbe wie eine Luftmaschenkette, die man beim Häkeln zu fest anschlägt: Am Ende zieht sich alles zusammen, und nichts liegt mehr flach.

Die Automatik wählt die Nadeln – geübte Finger braucht es trotzdem
Selbst mit funktionierender Lochkarte bleibt zweifarbiges Stricken Übungssache. Als der Schlitten letztens hakte, weil eine Nadel nicht sauber zurückgerutscht war, hatte ich den Übeltäter in keine fünf Minuten gefunden – anfangs hätte mich so ein Klemmer eine ganze Bastelrunde gekostet, weil ich jede einzelne Nadel für sich kontrolliert habe. Wie die Maschenbildung dabei im Detail funktioniert und warum manche Anfängerinnen dabei ständig Maschen verlieren, will ich an dieser Stelle nicht aufrollen, das sprengt den Rahmen.
Was ich aber sagen kann: Die Ränder verdienen mehr Aufmerksamkeit, als ich ihnen anfangs gegeben habe. Bleiben die Randmaschen zu locker, zieht sich die ganze Kante später schief. Ich hab mir deswegen extra angeschaut, wie man saubere Randmaschen an der Strickmaschine stricken kann, weil ein schiefer Rand jedes noch so schöne Rautenmuster kaputtmacht.
Ein Muster fertigstellen, ohne sich von der Technik einschüchtern zu lassen
Am Ende zählt für mich nicht, ob die Karte automatisch rastet oder ob ich jede Nadel selbst schiebe, sondern ob das Muster auf beiden Seiten sauber aussieht. Der Wickelanschlag am Anfang und das spätere Abketten haben beide ihre eigenen Fallstricke, die an anderer Stelle ausführlicher dran sind. Für alle, die noch zögern: Ein Norwegermuster ist kein Beweis dafür, dass man die teuerste Maschine im Regal braucht, sondern nur dafür, dass man bereit ist, ein paar Reihen wieder aufzutrennen, bis Schlitten und Nadeln zusammenpassen.

Falls dich feinere Muster mehr reizen als die klassischen Rauten: Ich fand es hilfreich, mir parallel anzusehen, wie man einfache Lochmuster stricken lerne, weil sich dort viele Grundprinzipien wiederholen – Nadelauswahl, Spannung, Geduld – nur eben ohne die zweite Farbe. Trau dich einfach ans Nadelbett, egal welche Maschine gerade vor dir steht.